Der Gefühlsempfänger

Der Gefühlsempfänger

von Michael Staribacher
ISBN-10: 3-901616-90-X
ISBN-13: 978-3-901616-90-7
EAN: 9783901616907

€ 15,00

Sein Prosadebut gibt der Autor Michael Staribacher mit dem Buch „Der Gefühlsempfänger“ in der Edition Weinviertel. Erstmals  wagt er sich nun an Kurzgeschichten voller Dichte und Poesie.
In mehr als 40 Kurzgeschichten über große Leidenschaften, Liebe, Tod hat der Autor jede Menge Ironie und Überraschung verpackt. Einige Geschichten wurden bereits bei Wettbewerben ausgezeichnet, was die Publikumswirksamkeit unterstreicht.

„Der Gefühlsempfänger“ ist eine Person, die längst vergangene Gefühle in Räumen aufspüren kann und dadurch in eine dramatische Situation kommt.


Bisher kannte man Michael Staribacher als Verfasser von Dialekt-Wörterbüchern. Eine kleine Reminiszenz daran sind die Weinviertler Lebensweisheiten, die er den Geschichten im neuen Buch vorangestellt hat. Manche Erzählungen spielen auch unverkennbar im Weinviertel .... und hier gleich eine Kostprobe dazu:

Tägliche Andacht

Seit Jahrzehnten wanderte Josef beinahe täglich durch den verwachsenen Hohlweg und trug dabei die lederne Kellertasche in der Hand. Stets führte ihn sein Weg zu einem weiß gekalkten Presshaus mit einer grünen Tür. Ein riesiger Schlüssel lag schwer in seine Hand und nach dem Aufsperren schlug ihm ein Geruch von Feuchtigkeit und Schimmel entgegen. Er mochte dieses Gemisch, das im Herbst auch mit dem Duft des vergärenden Mostes durchmischt wurde. Ein paar Stiegen führten hinunter in das Presshaus, in dem eine gewaltige Steinpresse stand. An der Wand eine Halterung mit einigen Weinhebern. Ein weiß gestrichener, alter Küchentisch, umkränzt von drei Bänken und belegt mit einer altmodischen Plastik-Tischdecke ergänzte die Einrichtung.

Josef hielt sich zumeist nur ganz kurze Zeit im Presshaus auf. Er nahm einen Weinheber, hier im Weinviertel auch Tupfer genannt, von der Wand und öffnete eine weitere Tür. Josef tauchte leidenschaftlich gerne in die Kellerröhre ein. Leicht geduckt schritt er abwärts durch ein Gewölbe aus einstmals roten Ziegeln, die mittlerweile ganz mit schwarzem Schimmel belegt waren.

 Hier wurde er am meisten an seine verstorbene Frau erinnert. Seit sie vor 9 Jahren von ihm ging, lebte er zurückgezogen von der Gesellschaft in seinem alten Bauernhaus. Die Weti hieß eigentlich Barbara und war seine große Liebe. Sie hatte alles in der Hand, den Haushalt, die Wirtschaft und das Geld. Seit ihrem Tod hatte er aber lernen müssen, selbst zurecht zu kommen.

Josef ging zu einem Fünf-Eimer-Fass und schob den Tupfer durch das Spundloch, saugte kräftig an dem kurzen Ende und holte einen funkelnden Grünen Veltliner heraus. Als er ihn schließlich in ein Glas rinnen ließ, bildeten sich kleine Bläschen, die sogleich zerplatzten. Ein frischer Duft, wie nach geschnittenem Gras, umfing seine Nase. Er ließ den Rest wieder ins Fass zurück, legte den Tupfer sorgsam darauf und setzte sich auf eine kleine Bank, die mit einer Styropor-Sitzfläche ausgestattet war. Hier saß er immer und dachte an seine Weti und an die Zeit mit ihr. Hier war sie ihm ganz nah und hier spürte er die Trauer um sie ganz besonders.

Kein Begräbnis hatte es damals gegeben denn die Gendarmerie hatte ihre Leiche nie gefunden. Bis heute gilt sie lediglich als vermisst. Josef nippte am Glas und befeuchtete die Lippen.

„Prost Weti!“ sagte er manchesmal leise und hob das Glas, wie zum Gruß. Er hatte sie wirklich sehr geliebt.

Und als sie damals so schwer krank war und soviele unsagbare Schmerzen hatte, und ihn anflehte, er möge sie erlösen und ihr beim Sterben helfen, da hatte er ihr eine ganze Packung Schlaftabletten gegeben. Die Weti war daraufhin eingeschlafen und sie schläft bis heute. Josef hatte sie mitten in der Nacht in den Keller geschafft und unter ein Fass gelegt. Am nächsten Tag hatte er dort ein Grab geschaufelt und sie sorgsam hineingebettet.

Nun liegt sie seit neun Jahren unter dem Fünf-Eimer-Fass und Josef hält eine tägliche Andacht. Im ganzen Dorf gibt es wohl keinen Witwer, der öfters am Grab seiner Frau weilt.

„Prost Weti!“ flüsterte Josef, wischte sich die feuchten Augen und trank das Glas in einem Zug leer.

 

Ende